Nachlese: Salon Sozial mit Barbara Blaha

Am 16. Juni 2026 fand im DWS der zweite Termin der neuen Veranstaltungsreihe Salon Sozial statt. Rund 70 Vertreter_innen aus unseren Mitgliedsorganisationen und Partner_innen versammelten sich, um den Impuls der renommierten Autorin, Thinktank-Leiterin und Speakerin Barbara Blaha zu hören. Unter dem Titel „Sozialstaat unter Druck? – Verteilung, Verantwortung und die Rolle der Sozialwirtschaft“ widmete sich der Abend den großen Fragen sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftspolitischer Weichenstellungen und der Zukunft einer solidarischen Stadt. Beim anschließenden Ausklang bei Proxy-Weinen bot sich Raum für vertiefende Gespräche und Austausch.

Eröffnung

In der Eröffnung von Sandra Frauenberger und Barbara Blaha wies die Speakerin auf ein grundlegendes Dilemma der Sozialwirtschaft hin: Wenn es gut läuft, ist die Sozialwirtschaft in der öffentlichen Debatte weitgehend unsichtbar. Ins Scheinwerferlicht tritt die Sozialwirtschaft immer dann, wenn es nicht rund läuft und Probleme gibt.

Für die aktuell angespannte Budgetsituation der Sozialwirtschaft gab Blaha eine klare Diagnose: Der Sozialstaat stehe nicht aufgrund mangelnder Ressourcen unter Druck, sondern aufgrund politischer Entscheidungen. Sie betonte, dass Verteilung eine Frage des Wollens sei – nicht des Könnens. Gerade in Zeiten multipler Krisen brauche es eine ehrliche Auseinandersetzung damit, wer welche Lasten trägt.

Verteilungs(un)gerechtigkeit und die Sozialwirtschaft

Zentral war Blahas Analyse der aktuellen Sparpakete, deren Hauptlast ab 2028 vor allem private Haushalte tragen werden, während Unternehmen vergleichsweise wenig beitragen. Mit der interaktiven Kürzungslandkarte des Momentum Instituts wird versucht, Daten zu aktuellen Kürzungen und ihren Auswirkungen partizipativ zu erheben. Barbara Blaha zeigte in ihrem Impuls auf, dass Umverteilung möglich wäre, wenn der politische Wille vorhanden ist – internationale Beispiele belegen, wie Staaten ihre Budgets sanieren können, ohne einkommensschwache Menschen zusätzlich zu belasten.

Besonders betroffen von der Teuerung seien jene Bereiche, die sich für Menschen nicht vermeiden lassen: Miete, Energie und Lebensmittel. Diese Kosten seien in den vergangenen Jahren am stärksten gestiegen. 2022 verzeichnete Österreich die höchsten Reallohnverluste seit Beginn der Aufzeichnungen – ein Einschnitt, der bis heute nachwirkt. Selbst deutliche Lohnerhöhungen seien daher nur ein Tropfen auf den heißen Stein, weil sie lediglich vergangene Verluste kompensieren.

Mit Blick auf die Sozialwirtschaft kritisierte sie die verbreitete Annahme, der Markt würde über Angebot und Nachfrage faire Gehälter regeln. Wenn das stimmen würde, müssten die Gehälter im Sozialbereich angesichts des massiven Fachkräftemangels längst deutlich höher sein. Die Realität zeige im Branchenvergleich jedoch das Gegenteil.

Frauen und die Sozialwirtschaft

Darüber hinaus zeigte Blaha eindrücklich, wie sehr Frauen von struktureller Ungleichheit betroffen sind. Frauen verlieren überall, wie sie formulierte: frauendominierte Branchen werden schlechter bezahlt, und sobald mehr Frauen in männerdominierte Bereiche einsteigen, sinken dort nachweislich die Löhne. Diese Dynamik treffe die Sozialwirtschaft besonders hart – eine Branche, die überwiegend von Frauen getragen wird und gleichzeitig mit chronischer Unterfinanzierung kämpft.

Zusätzlich wies Blaha darauf hin, dass die aktuelle Erhöhung des Arbeitslosenversicherungsbeitrags vor allem geringbezahlte Beschäftigte treffe – und damit überproportional Frauen. Für die Sozialwirtschaft bedeutet das eine doppelte Belastung: Mitarbeiterinnen werden finanziell geschwächt, während Organisationen gleichzeitig um Fachkräfte ringen.

Blahas Vortrag machte deutlich: Der Sozialstaat ist kein Naturphänomen, sondern ein politisches Projekt. Verteilungsgerechtigkeit, faire Löhne und die Stärkung der Sozialwirtschaft sind möglich – wenn sie gewollt sind. Die Sozialwirtschaft spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie ist nicht nur Dienstleisterin, sondern Garantin für sozialen Zusammenhalt. Umso wichtiger sei es, ihre Rahmenbedingungen zu verbessern und die Menschen, die sie tragen, fair abzusichern.

Format „Salon Sozial“ und Ausblick

Der Salon Sozial ist ein neues Dialogformat des Dachverbands Wiener Sozialeinrichtungen. Er richtet sich exklusiv an Führungskräfte der Mitgliedsorganisationen und Partner_innen und schafft einen geschützten Raum für Austausch, Reflexion und strategische Weiterentwicklung. Ziel ist es, neue Perspektiven zu eröffnen, Brücken zwischen Praxis und Wissenschaft zu schlagen und Impulse für eine zukunftsorientierte Sozialwirtschaft zu setzen.

Nach dem Auftakt mit Judith Kohlenberger und dem zweiten Termin mit Barbara Blaha folgen 2026 zwei weitere Veranstaltungen, die erneut zentrale gesellschaftspolitische Fragen aufgreifen und die Weiterentwicklung der Wiener Sozialwirtschaft in den Mittelpunkt stellen.

  • 08.09.2026 – Christine Steger: Die Rolle der Sozialwirtschaft in der Stärkung von Teilhabe und Gleichstellung
  • 24.11.2026 – Gabu Heindl: Wem gehört die Stadt? – Räume für soziale Teilhabe und Gerechtigkeit

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